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GESCHICHTE

Die Tradition des Hauses Wiehler Gobelin

 

 

  • Vor nunmehr über 100 Jahren, am 1. April 1893, wurde von Jakob Wiehler in Berlin ein Weißwarengeschäft gegründet. In seinem Angebot befanden sich auch Handarbeiten, die er durch Annoncen in Zeitschriften seinem Publikum zugänglich machte.

     

     

    In Deutschland, Österreich, dem Balkan und Südrußland wurden diese Modezeitschriften gelesen und brachten Aufträge. Der erste Katalog erschien mit Kissen, Decken, Wandbehängen und Gobelinbildern.

     

     

    Diese Bilder waren Delfter Muster im Kreuzstich einfarbig gestickt. Mit Hilfe von Typen wurden Zählmuster hergestellt, nach denen auch heute noch die Wiehler-Gobelinbilder gestickt werden.

  • erscheint mit 84 Seiten Umfang

     

     

    Das Bildergeschäft gewann schon frühzeitig Vorrang. Ab 1907 entwickelte sich die Firma so gut und der Katalog-Versand nahm derartig zu, daß im Jahre 1914 ein Katalog mit 72 Druckseiten erschien. Im Laufe des Krieges 1914/18 ergaben sich selbstverständlich Schwierigkeiten, die zum Ende des Krieges das Versandgeschäft völlig zum Stillstand brachten.

     

     

    Erst nach der Inflationszeit konnte die bewährte Form des Katalogangebotes wieder aufgenommen und durch Kelim-, Sudan- und SmymaArbeiten erweitert werden, so daß im Herbst 1928 ein neuer Katalog mit 84 Seiten Umfang präsentiert wurde.

  • Das heilige Abendmahl

     

     

    Zum 40jährigen Geschäftsjubiläum im Jahre 1933 wurde als Besonderheit "Das heilige Abendmahl" nach Leonardo da Vinci in das Sortiment aufgenommen und bis zum heutigen Tage eines der interssantesten Bilder geblieben.

     

     

    Der Ausbruch des 2. Weltkrieges beendete erneut viele Geschäftsverbindungen. Lediglich die Verbindung nach Bulgarien und Jugoslawien wurde als devisenwichtig anerkannt und sorgte dafür, daß bis zum Ende des Krieges Stoffe und Garne der Firma weiter zugeteilt wurden.

     

     

    In den letzten Kriegstagen brannte die Firma durch Bombenangriffe völlig aus. Es war ein Wunder, daß kurz vorher die wertvollen Unterlagen für Zählmuster und Garnsortierungen im Privathaus des Inhabers eingemauert wurden und somit der Vernichtung entgingen.

     

     

    Nach dem Kriege gelang es, diese wertvollen Dinge aus Berlin zu bergen und in Buxtehude damit neu zu beginnen. Unter den alten Kunden sprach es sich schnell herum, daß Wiehler zumindestens wieder Stoff und Garn liefern konnte. Es waren diese treuen Kunden, die der Firma wieder Mut und neue Kraft gaben.

  • Bezug der neuen Geschäftsräume

     

     

    Im Jahre 1970 war die Nachfrage nach den Wiehler-Gobelinbildern so umfangreich geworden, daß der inzwischen 72 jährige Inhaber Dr. Rudolf Wiehler aus Altersgründen seine Firma verkaufte. Der neue Inhaber sah seine erste Aufgabe darin,wieder einen Katalog herauszubringen und die Zählmuster, die seit Jahren nicht mehr gedruckt worden waren, in alter Form herzustellen und zu publizieren. Es gelang in mühevoller Arbeit den ersten Katalog nach 30jähriger Pause im Jahre 1972 zu veröffentlichen.

     

     

    Die Zählmuster wurden ebenfalls - wenn auch noch in der alten Form als Reproduktion wieder gedruckt. Zu ihrer Verbesserung gelang es, ein völlig neues Verfahren auszuarbeiten und eine neue Form zu finden, die im Augenblick kaum noch Wünsche offen läßt. Auch das alte Farbsortiment wurde durch Neueinfärbungen wieder ins Leben gerufen. Nun war es möglich, neue Motive zuentwerfen und damit das alte Sortiment fortzusetzen und zu ergänzen. Auch die Kunden, die schon über eine große Anzahl von gestickten Bildern verfügten, fanden neuen Anreiz zu weiterer Stickerei. Gleichzeitig erhielt das Geschäft zusätzliche Verbreitung durch Annoncen in Europa und Übersee, die auf die Existenz der Firma Wiehler Gobelinbilder in Buxtehude als direkten Nachfolger der Firma Jakob Wiehler, Berlin, hinwiesen. Der Erfolg bestätigte die Maßnahmen.

     

     

    Die Liebhaber der Wiehler-Gobelinstickerei nahmen derartig zu, daß es notwendig wurde, neue Räume zu beziehen, um mehr Platz für die Ausarbeitung der Bilder zu schaffen. In der Stader Strasse 32, Buxtehude, wurde ein Neubau erstellt und im Frühjahr 1975 bezogen.

  • neues Kreuzstichsortiment

     


    Es stellte sich heraus, dass eine der besonderen Fähigkeiten der Fa. Wiehler Gobelin darin lag, ausgesprochen feine Arbeiten anbieten und damit an die künstlerische Tradition der Bildstickerei anknüpfen zu können.

     

     

    So entstanden die ersten beiden Ikonen als sichtbares Ergebnis dieser neuen Kollektionsplanung. Seither erfreuen sich Ikonen einer solchen Beliebtheit bei den Kunden, dass das Sortiment religiöser Motive inzwischen 16 Ikonen umfasst.

     

     

    Jede von ihnen weist weit mehr als 85000 Stiche auf. Die Fa. Wiehler Gobelin nutzte ihre Erfahrung im Bereich feinster Stickereien weiterhin dazu, besonders ambitionierten Stickern und Stickerinnen einen Stoff mit 14 Stichen pro Zentimeter anzubieten, worauf Gobelins als Miniaturen gestickt werden können. Diese Lupenarbeiten sind wirkliche Kunstwerke, die kaum noch eine Stichstruktur erkennen lassen.

     

     

    Parallel dazu wurde das Kreuzstichsortiment entwickelt, das für viele Jahre in einem gesonderten Katalog angeboten werden sollte.

  • In diesem Jahr gab es in der Fa. Wiehler Gobelin Anlass für viele Feste. Der Inhaber, Herr Hans-Jürgen Beck, wurde 70 Jahre alt und die Firma feierte ihr 100jähriges Bestehen.

     



    Es gab einen Jubiläumskatalog, der als Grundkatalog bis heute erhalten geblieben ist. Das Jubiläum sollte außerdem Anlass sein, zumindest den regional ansässigen Kunden die Fülle der in so langen Jahren angewachsenen Kollektion sichtbar zu machen.

     



    Im nahegelegenen Moisburger Amtshaus- einem wunderschönen historischen Gebäude- wurde in Zusammenarbeit mit einem befreundeten Antiquitäten-
    händler und einer ebenfalls befreundeten Floristin eine so aufwendig dekorierte Ausstellung veranstaltet, das sie bis heute im Gespräch vieler Kunden geblieben ist.

  • Unklare Zeiten 2003/4

     


    Wenn auch der Inhaber der Firma Wiehler Gobelin, H.J. Beck, aus tiefstem Herzen mit den Geschicken des Unternehmens verbunden war und sich nichts sehnlicher wünschte, als die Fortsetzung dieser langen Firmentradition, so musste er dennoch erkennen, dass seine langsam schwindenden Kräfte nicht mehr ausreichten, die Firma Wiehler Gobelin erfolgreich in eine neue Zeit zu führen.

     

     

    So entschloss er sich schweren Herzens, die Schließung der Firma Wiehler anzukündigen. Er wollte auf diese Weise zumindest sicherstellen, dass eine Zerschlagung der Kollektion durch Teilverkäufe des Unternehmens verhindert würde.

     

     

    Das Entsetzen , das seine Nachricht unter den Kunden auslöste und die vielen persönlichen Bitten, das Unternehmen doch unbedingt zu halten, überraschten ihn so sehr, dass er es nicht über sich brachte, den ursprünglich gefassten Plan der Schließung in die Tat umzusetzen. Entgegen dem Rat seiner Ärzte und seiner Familie entschloss sich H.J.Beck, an seinem Lebenswerk festzuhalten und weiterhin im Kontakt mit den Kunden der Fa. Wiehler Gobelin zu bleiben. So benachrichtigte er im November 2004 seine Kunden, dass die Schließung der Firma Wiehler Gobelin nicht mehr zu befürchten wäre.

  • Inhaberwechsel 2005

    Nach dem Tod von Herrn H. J. Beck übernahm seine Tochter, Jutta Böttcher die Geschicke des Unternehmens.

     

    Durch die Ankündigung der Schließung im Jahr 2004 haben sich die Wiehler-Stamm-Kunden mit Sticksets eingedeckt, so dass sie für eine lange Zeit versorgt waren. Somit war es schwierig neu entwickelte Stickmotive und Sets trotz der vielfältigen Veröffentlichungen an den Stickfreund zu bringen. Dies hatte zur Folge, dass auch vor dieser Firma der Personalabbau nicht Halt gemacht hat. Teile der Kollektion konnten nicht aufrecht erhalten werden, so dass sich das Kreuzstichangebot deutlich reduziert hat. Es gab viele verschiedene Veröffentlichungen, mit denen sich die Firma Wiehler ihren Kunden empfohlen hatte. Ein Teil dieser Veröffentlichungen wurde in einer schönen Mappe zusammengefasst und wird nun als Ergänzung zum Gobelinkatalog versandt.

     

  • Der Gründer der Firma Wiehler Gobelin, Jacob Wiehler, war schon im Jahre 1907 ein Pionier der damals völlig ungewöhnlichen Form des Katalogverkaufs. Diesem Geist, die Kunden dort zu treffen, wo sie zuhause sind, fühlt die Firma sich noch immer verpflichtet und ist dieser Verpflichtung mit einem umfangreichen, mehrsprachigen und bedienerfreundlich gestalteten WebShop nachgekommen.

    Es gehörte immer zum Selbstverständnis der Firma Wiehler Gobelin, einen besonders persönlichen Kontakt zu den Kunden zu pflegen- und auch daran wurde festgehalten. Die Loyalität und das Zusammengehörigkeitsgefühl der Kunden haben schon lange eine Art „Wiehler-Familie“ entstehen lassen, die sich deutlich abgrenzt gegenüber jenen, die sich gerade in letzter Zeit über den Missbrauch der scheinbar schwächelnden Marke „Wiehler“ zu bereichern suchten.

    Konsequent betriebener internationaler Markenschutz setzt solchen Bestrebungen ein Ende, so dass Wiehler- Kunden sich darauf verlassen können, Original-Wiehler Produkte aus Buxtehude zu erhalten. Umfangreiche Zeitungsartikel, in denen Kunden über ihre Leidenschaft des Stickens berichteten, erreichten die Firma in jüngster Zeit. Sie zeigten, dass gerade die Wiehlerschen Stickereien geeignet sind, jene Muße und Einkehr zu schenken, die heute in besonderem Maße gesucht wird. Diesem Bedürfnis wurde unbedingt Beachtung geschenkt. Zusätzlich zu der klassischen Wiehler-Linie wurde im Jahr 2007 in der bewährten feinen Technik, aber in einer ganz eigenen Motivgestaltung eine Produktlinie unter dem Namen „Aurum Cordis“ eingeführt.

     

    Nach wie vor sind die Kunden des Hauses Wiehler Gobelin auf der ganzen Welt zu finden. Das zeigt sich auch in der Nutzung der Website, die nun zu einem zeitgemäßen Aussenauftritt gehören soll.

    Sie wird sich an all jene Menschen wenden, die Lust verspüren, sich über das Sticken auf eine sehr persönliche Erfahrung mit einer symbolhaften Ebene der eigenen Lebensgeschichte einzulassen. Rückmeldungen und reger Austausch dazu sind herzlich willkommen und Teil eines neuen, sehr persönlichen Weges mit unseren Kunden.

  • 2012 Verkauf des Unternehmens "Wiehler Gobelin"

    Zum 1. Juni 2012 wurde das Unternehmen von Frau Jutta Böttcher an die neue Inhaberin, Heike Wichern verkauft. Dieser Entschluß, das Unternehmen, das vom Vater aufgebaut wurde und mit seinem einzigartigen Stickmotiven weltweit bekannt ist, zu verkaufen, war sicherlich nicht leicht.

    Für die neue Inhaberin bot sich die Chance, einem Unternehmen, dass  sie selbst schon seit Jahren kannte, ein neues Gesicht zu geben, aber auch Althergebrachtes und Neues miteinander zu vermischen.

     

    So wurde jetzt der Internetauftritt und der Shop den modernen Ansprüchen angepaßt. Auch im Anbetracht der vielfältigen technischen Möglichkeiten sollen wieder neue Stickmotive erstellt werden und auch ganz neue Produktarten wie Gobelin Webteppiche und Gobelin-Jaquard Kissen und mehr angeboten. Man könnte auch sagen, wir gehen wieder zu den Anfängen zurück und hängen uns einen Webteppich an die Wand.

    Wiehler Gobelin hat sich zur Aufgabe gemacht, nach wie vor dem Stickfreund eine hochwertige Handarbeit an die Hand zu geben aber auch denen, die einen Gobelin lieben, ihn aber nicht selber machen wollen, als Wandteppich oder Kissen als Wohnassesoires anzubieten.

 

Entwicklung der Gobelinstickerei

  • Gobelin-Manufaktur in Paris

     


    Die Bildweberei ist eine uralte Kunst. Ursprünglich verstanden wir unter der Bezeichnung Gobelin einen handgewebten Bildteppich mit überwiegend figürlicher Darstellung. Schon im alten Ägypten finden wir Stücke als Grabbeigabe in einer streng flächenmäßig ornamentalen Stilrichtung. In Europa lassen Einzelstücke aus dem 11., 12. und 13. Jahrhundert erkennen, daß sowohl sakrale Kunst, wie auch die Verehrung der Fürstenhäuser frühzeitig der Weberei Impulse vermittelten. Aus dieser Zeit sind nur ganz wenig Exemplare erhalten geblieben. Teilweise gibt es sogar nur Hinweise darauf.

     

     

    Das ist einmal auf das verwendete Material – die Wolle – zurück zuführen, die leicht durch Motten vernichtet wurde, zum anderen aber auf die vielfachen Zerstörungen kriegerischer Aktionen in
    damaliger Zeit.

     

     

    Webteppiche werden nach zwei verschiedenen Techniken hergestellt und unterschieden. Einmal die Flachwebtechnik, bei der die Kettfäden horizontal verlaufen und dann die Hochwebtechnik, bei der die Kettfäden senkrecht stehen. Als Material wurde Wolle, später auch Seide und gesponnene Goldfäden, verwendet. Es ist selbstverständlich, daß der Wert und die Kostbarkeit der fertigen Stücke hiermit erheblich zunahmen.

     

     

    Der ausschließliche Gebrauch von Wolle als Webmaterial ist nicht nur auf ihre leichte Herstellung und einfache Verarbeitung zurückzuführen, sondern auch auf den Nutzeffekt, denn diese Teppiche wurden sowohl zum Schmuck, als auch zum Schutz gegen Kälte verwendet. Bei der Herstellung der Bildteppiche greifen zwei Dinge eng ineinander. Einmal die Kunst des Malers und zum anderen die Kunst des Webers; mußte er doch das gemalte Bild möglichst originalgetreu in Webtechnik umsetzen.

     

     

    Die königliche Gobelin-Manufaktur in Paris zählte im Jahre 1824 nicht weniger als 14.400 Farbnuancen, mit denen die enorme Wirkung der Bildteppiche erreicht worden war.

  • Gobelin-Manufaktur in Paris

     


    Auf die streng stilisierende Epoche der romanisch-frühgotischen Zeit folgte im Laufe des 14. Jahrhunderts mehr eine bildmäßig spielerische, die um die Wende des 15., 16. Jahrhunderts zu ihrer vollen Blüte gelangte. Die bedeutendsten Erfolge hatten zweifellos die Franzosen. In Paris ist es besonders die Färberei der Familie Gobelin, die besonders aktiv in den Vordergrund tritt. Im Jahr 1662 wird sie von Ludwig XIV. gekauft und zur Staatsmanufaktur für Bildteppiche umgewandelt. Der Name GOBELIN wurde nunmehr der Name für Bildteppiche überhaupt.

  • Peter Paul Rubens

     


    In Frankreich entwickelt sich neben der Manufaktur in Paris die im Jahr 1664 gegründete Manufaktur Royale des Gobelins in Beauvais. Sie blieb jedoch immer im Schatten von Paris, denn zu jener Zeit
    entwickelt sich in Frankreich ebenfalls der Zentralismus in einer Form, daß nur das, was in Paris hergestellt wird, gut ist. Alles andere, was nicht Paris heißt, ist Provinz. Auch außerhalb Frankreichs gewinnt die Gobelinweberei im 16. Jahrhundert an Bedeutung. Brüssel steigt als Komet am Himmel zur neuen Metropole der Tapisserie auf. Großen Einfluß auf die Ausweitung der Brüsseler Webereien hat mit Sicherheit Raffael genommen, dessen Apostelgeschichte auf einem der berühmtesten Brüsseler Webstühle hergestellt worden ist. Im 17. Jahrhundert ist es dann Peter Paul Rubens, der diese Kunst entscheidend mit seinem eigenen Können befruchtet. Als die Brüsseler Weber auf der Höhe ihres Ruhmes angelangt waren, wendet sich die Gunst der Gesellschaft von Brüssel wieder Frankreich zu.

  • Aufblühen der Gobelin-Webkunst

     

     

    Mit Beginn des 18. Jahrhunderts vollzieht sich der Übergang vom Barock zum verspielten Rokoko. Die Geschmacksrichtung der Gesellschaft wandelt sich und damit verändert sich auch die Kunst. Die Bildteppiche verlieren einen Teil ihrer Funktion, die sie Jahrhunderte innehatten.

     

     

    Als Wandverkleidung werden sie abgelöst von anderen Materialien. Die Gobelins passen sich der Situation an, indem sie nunmehr zu einem kostbaren Schmuckstück innerhalb der Wohnung werden;
    dazu ist es selbstverständlich erforderlich, sich dem Zeitgeschmack zu unterwerfen. In dieser Zeit steht besonders Franccedil;ois Boucher neben Carlo Coypel mit seinen Creationen in hoher Gunst.
    Seine Themen sind die Lieblingsmotive der galanten Zeit - Schäferszenen und sein Hauptwerk Die Liebschaften der Götter - kommen erstmals im Jahr 1758 auf die Webstühle der Manufaktur. Den
    besonderen Reiz der Gobelins des 18. Jahrhunderts finden wir in der Alentours. Es handelt sich hierbei um einen gewebten Rahmen, der durch seine raffinierte Komposition und Ausführung alle Teile
    des Gobelins nunmehr geschlossen zu einem eindrucksvollen Zusammenspiel führt. Früher war es das Bildmotiv, heute ist es das ganze Stück, das durch die Umrahmung zur Wirkung kommt; damit
    hat der Gobelin seinen festen Platz als Wandbild und Zimmerschmuck eingenommen. Neben der Entwicklung der französischen, flämischen und italienischen Arbeiten finden wir auch in Deutschland ein entsprechendes Aufblühen der Gobelin-Webkunst. Der Absolutismus an deutschen Fürstenhöfen gegen Ende des 17. Jahrhunderts wird zum Förderer dieser Kunstrichtung.

  • Wandel der Stickerei

     

     

    In der Zeit des Biedermeiers zwischen Wiener Kongress ( 1814-1815) und Märzrevolution (1848) verlor die professionelle Stickerei insgesamt ihre Bedeutung als dekorative Kunst zur Ausschmückung der Kleidung und der Schlösser der Mächtigen dieser Welt.

     

     

    Hinzu kam 1804 die Erfindung des Jacquard-Webstuhles, mit dessen Hilfe auch komplizierte Muster industriell gefertigt werden konnten. Auch industrieller Stoffdruck wurde möglich, so dass die Kunst der Bildstickerei einfach imitiert werden konnte.

     

     

    Als Folge der beginnenden industriellen Entwicklung gab es ein immer wohlhabenderes Bürgertum, dessen Damen der Gesellschaft mehr Muße fanden, sich in verschiedenen Kunsthandwerken zur Verschönerung ihres Heims zu üben. Die private Gobelinstickerei fand sich nun wieder in Sessel-, Sofa-, und Kissenbezügen. Handbestickte Klingelzüge trugen die Klingel, mit der das Hauspersonal zu Diensten gerufen wurde. Die professionelle Anfertigung von Tapisserie-Stickereien im Gobelin-, Petit Point-, und Kreuzstich richtete sich ebenfalls nach Geschmack und Bedarf des Großbürgertums. Als Hand-stickerinnen oder auch zur Bedienung der Stickmaschinen fanden die Frauen des Kleinbürgertums einen bescheidenen Broterwerb.

     

     

    Zentrum der Zählmustererstellung auf Patronenpapier für diese Art der Stickereien wurde Berlin. Eine feine Zellwolle von hoher Qualität, genannt Zephyr-Garn und ebenfalls in Berlin produziert- konnte mit der englischen Stickwolle konkurrieren. „Berlin-Wool-Work“ wurde zu einem Ex-portschlager rund um die Welt. Zwischen 1840 und 1850 gab es in Berlin mehr als zwanzig Unternehmen zur Stickmustererstel-lung, die Tausende verschiedener Muster produziert haben sollen. Es gab weitere Industriezweige wie Kanevas- Fabriken, Handlungen für Stickereiwaren und Seidenhandlungen. In dieser Tradition wurde 1893 ebenfalls in Berlin die Firma Jacob Wiehler gegründet. Noch heute finden sich in den Archiven der Firma Musterzeichnungen auf Patronenpapier und auch einige Farbproben des alten Zellwollgarns haben die Zerstörungen zweier Weltkriege, Flucht und Vertreibung der Familie Wiehler überdauert.

  • Herstellung feiner Kunstwerke



    Die Handstickerei hat ihre Bedeutung als Kunsthandwerk fast völlig verloren. Ob verdient, oder unverdient- mit den Jahren blieb ihr immer mehr der Beigeschmack, für lange Zeit wichtiger Bestandteil einer Erziehung junger Frauen gewesen zu sein, die diese zur Unselbständigkeit als Heimchen hinter dem Herd verdammte.

     

     

    In national und regional unterschiedlicher Intensität hat die Handstickerei als Hobby überlebt. Während in den USA in der Folge der „Society of Decorative Arts“ über das ganze Land verteilt sog. „Embroiderer’s Guilds“ gegründet wurden, die sich der Lehre und Pflege vieler alter Sticktechniken widmeten, ging das Können in vielen Teilen des hochindustrialisierten Westeuropas (mit Ausnahme von Großbritannien mit ebenfalls lebendigen Guilds) stark zurück.

     

     

    Mit sinkender Nachfrage fiel auch das Angebot an qualitativ hochwertigen Materialien, was Menschen, die sich heute wieder alten Techniken wie z.B. der Paramentenstickerei zuwenden, sehr beklagen. In der Bildstickerei verschärfte sich dadurch die von alters her bestehende Herausforderung, eine gelungene Synthese zwischen gemaltem Original und gestickter Replik herzustellen, ganz deutlich. Ausgerechnet in Zeiten, in denen es kaum eine technische Grenze bei der Herstellung feiner Farbschattierungen für Stickgarne gibt, begrenzen betriebswirtschaftliche Überlegungen das Angebot an fein abgestimmten Garnschattierungen mehr denn je. Um in irgendeiner Form an die künstlerische Tradition der Bildstickerei als wohltuende Alternative zu vielen technisch einfach herzustellenden, aber in ihrer Wirkung sehr plakativen Darstellungen anknüpfen zu können, braucht es ein stilles Übereinkommen zwischen Materiallieferanten und Tapisseristen. Nur jenseits streng marktwirtschaftlicher Überlegungen findet sich die Freude, ambitionierten privaten Stickern und Stickerinnen noch immer Farbsortimente und Stoffe anbieten zu können, die zur Herstellung feiner Kunstwerke mit Nadel und Faden einladen.

  • Quo vadis?



    Unsere Zeit ist geprägt von einer fortschreitenden Verdichtung aller Lebensabläufe. Der Mensch wird immer mehr zum Objekt der komplexen Zusammenhänge in Berufs- und Pri-vatleben. Um so stärker wird die Sehnsucht nach einem Gegengewicht, nach einem Privatissimum an Stille, Einkehr und Einfachheit. Die Ausübung kreativer kunsthandwerklicher Tätigkeiten ist eine der Möglichkeiten, diese Sehnsucht zu stillen. Neben der Freude an der Tätigkeit an sich, findet hier im fertigen Stück eine Form von Begegnung mit sich selbst statt. Der Mensch, der in so vielen Lebenssituationen gezwungen ist, gegen seine innersten Über-zeugungen zu handeln und sich darüber zu verlieren droht, findet in der Stille und Konzentration der kreativen Tätigkeit zu sich selbst zurück.

     

     

    Diese Funktion hatte die Stickerei von alters her. In den Klöstern war sie immer auch ein Weg der Meditation. Gerade darin könnte – angesichts unserer jetzigen Lebensumstände- ihre besonders Chance für ein ungeahntes Comeback liegen. Die Bildstickerei mit ihrer hohen Anzahl an Stichen und Farbnuancen und ihrer – je nach Motivgestaltung- besonderen Aussagekraft, kann hier sicher einen ganz besonderen Beitrag leisten.